Integration

Das Schlüsselwort „Integration“ wird erst seit 20 Jahren als politischer Begriff für unsere kulturell durchmischte Gesellschaft verwendet. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Integration des Fremden“ in die Gesellschaft der Einheimischen war zu diesem Zeitpunkt reichlich spät, denn der Alltag hat schon gezeigt, wie notwendig sie ist. Der Begriff Integration wurde bis zu diesem Zeitpunkt meist in Verbindung mit Kindern verwendet, die einen anderen Zugang zur Welt hatten. Die blind waren, schwer hören konnten in der Aufmerksamkeit anders ausgerichtet waren oder sich in Rollstühle fortbewegten. Viele Bundesländer und Staaten wie z.B. Italien haben schon sehr früh erkannt, dass ein gemeinsames Schülerleben den „normgerechten“ Kindern gut tut. Sie entwickeln eine höhere Aufmerksamkeit, sind rücksichtsvoller, entwickeln einen wertschätzenden Zugang zum eigenen Leben und der eigenen Gesundheit. Die Kinder einer „integrativen“ Klasse sind nicht mehr so „leistungsbezogen“ sondern „lebenspraktischer“ und „wertorientierter“.

Integration ist eine Grundfähigkeit, die jede offene moderne Gesellschaft braucht um auf lange Sicht weiter existieren zu können. Der Soziologe John W. Berry ist zu einer interessanten Definition gekommen. Sein Interesse galt den Orientierungen, die eine Integration optimal machen. Er stellt die Ergebnisse seiner Untersuchungen in einer Matrix dar, die es erleichtert die Dynamiken rund um Integration zu verstehen. Seine Idee ist, dass Integration das Maximum an Anerkennung der Regeln und Normen der Gesellschaft in der wir leben und das Maximum an eigener kultureller Identität bedeuten kann. Er hat also zwei Vektoren, die einen Integrationsraum ausmachen. Gehen wir von der Vorstellung aus, dass die kulturelle Identität negiert würde und nur noch die Anerkennung der gesellschaftlichen Werte eine Rolle spielen würde, so wären wir bei der Adaptation.  Eine Gesellschaft, die z.B. ein geschichtliches Problem mit ihrer kulturellen Identität hat, erlebt diese durch die fremde Kultur als bedroht. Bewusst oder unbewusst wird von dem Fremden verlangt seine eigene Identität aufzugeben. So entsteht Adaptation als Maßgabe und nicht die Nutzung des Potentials der Vielfalt. In unserem Ansatz gehen nicht von den offensichtlichen Regeln, sondern von den dahinter liegenden Werten aus. Die Werte, die von einem großen Teil der Menschheit geteilt werden. Sie finden sich in den Menschenrechten und in demokratischen Verfassungen wieder.

Vermeidet eine Gesellschaft die gemeinsamen, verfassten Werte zu thematisieren und verlangt die Anerkennung derselben auch nicht von Fremden, so entsteht Separation und Segregation. Es entsteht ein Nebeneinander, in dem selbst das gültige Recht des Staates in Frage gestellt wird.  Auch hier scheint es ein Thema in unserem Land zu geben. Wo vermitteln wir offensichtlich unsere verfassten Werte? Glauben wir, dass die Würde des Menschen über einer Profitmaximierung steht? Müssen Politiker, die nachgewiesen nicht die Wahrheit sagten,  mit Konsequenzen rechnen? Die Erfahrung, die Berry in seiner Arbeit machte, ist insofern spannend, dass er behauptet, wenn beide Vektoren Richtung 0 gehen, die Marginalisierung eintritt. Werteverlust und das Aufgeben kultureller Identität sind somit Merkmale einer Marginalisierung.

Integration aus dieser Sicht ist eine beständige Aufgabe einer Gesellschaft. Integration geschieht durch Konflikte. Sie stellt viele Fragen an uns selbst und verlangt von uns eine Positionierung. Integration bedeutet demnach die Vermittlung der Werte unserer Gesellschaft in Übereinstimmung mit der kulturellen Identität des Einzelnen. Dabei muss beachtet werden, dass es hier um die wichtige Frage nach den Werten und der kulturellen Identität geht. Die Richtschnur unserer Werte ist die Verfassung. Hier sind die Werte, die in öffentlichen Bildungssystemen vermittelt werden sollen, grundgelegt. Dies hat zur Folge, dass wir uns fragen dürfen, ob dies auch so der Realität entspricht. Wo wird die Würde, die Gleichberechtigung und die individuelle Freiheit und Einzigartigkeit  des Menschen in den Mittelpunkt gerückt? Wie wird kulturelle Identität mit den Werten einer Gesellschaft konfrontiert? Kulturelle Ideen und Vorstellungen können nicht über dem Recht, der Verfassung des Landes stehen, in dem wir leben. Aus diesem Grund gibt es auch Abgrenzung, wenn sich eine kulturelle Identität zu stark von den Werten dieser Gesellschaft unterscheidet. Es kann keine Toleranz für Ideologien geben, die menschenverachtend, rassistisch und gewalttätig sind.